Amerika

Gregor war 22 als er nach Amerika kam. Er war ein sehr schlanker, dunkel gekleideter junger Mann mit langem wehenden dunklen Haar in der Farbe hellen Eichenholzes. Er hatte einen kleinen dunklen Koffer mit seinen Habseligkeiten bei sich. Er betrat ein preiswertes Hotel, ich will nicht sagen: eine Absteige, denn das wäre übertrieben. Es war sauber. Eine Übernachtung kostete 20$. Der Besitzer, Sam Keesler, war ebenfalls ein schlanker dunkelhaariger Mann. Mit kurzen Haaren allerdings und ein bisschen größer als Gregor und etwa 20 Jahre älter. Er gab Gregor ein Formular, das müsse er ausfüllen, wenn er bleiben wolle. Er könne seinen Koffer aber schonmal hochbringen. Dann gab er Gregor den Schlüssel zu Zimmer 25.

Gregor brachte seinen Koffer hoch, nahm das Formular und ging in das ortsansässige Hooters-Restaurant, er hatte Hunger. Er war alleine dort und bat die Bedienung seine Lieblingskassette zu spielen, Mayo Thompson: Corky’s debt to his father. Es war das Jahr 1987. Es gab noch Kassettenrecorder.

Inzwischen war Sam Keesler ins Restaurant gekommen. Er hielt sich aber im Hintergrund. Die Musik war toll, fand er. Das würde bestimmt seinem Sohn gefallen. Gregor verzweifelte derweil über dem Formular. Wie er das Fußballspiel Deutschland gegen Uruguay gefunden habe. Antworten nur zum Ankreuzen und keine Möglichkeit anzugeben, dass er es nicht gesehen hatte. Er wusste nicht einmal, ob oder wann Deutschland gegen Uruguay gespielt hatte. Er fragte sich, ob er nicht einwandern dürfe, wenn er die falsche Antwort gäbe. Die Kästchen waren schreiend grün und rot markiert.

Ich hab nachgeschaut, 1:1 falls die WM 1986 gemeint war, aber ob mir das gefällt oder nicht, weiß ich auch nicht.

Als Heimatadresse konnte er nur das deutsche Minden angeben. Er kannte Minden, kam aber nicht aus Minden. Er fragte sich, ob nur Mindener nach Minden, New York, ziehen dürfen. Total verwirrt vergaß er die Musikkassette und das Formular und ging wieder ins Hotel. Dort fragte Sam Keesler nach dem Formular. Er habe es im Restaurant vergessen, sagte Gregor. Dann könne es ihm ja nicht so wichtig sein, nach Amerika einzuwandern, sagte Sam Keesler schnippisch. Gregor eilte also zurück ins Diner. Die Bedienung verriet ihm, dass Sam seine Musikkassette mitgenommen habe und das Formular. Wie er so schnell ins Hotel gekommen ist, weiß ich nicht. Aber er wohnt ja in Minden seit seiner Geburt und wird wohl Abkürzungen kennen.

So war das damals und bleibt ein Fragment. Gregor ging entweder heim oder er schwängerte die orange behoste Bedienung und es gab eine Shotgun Wedding.

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Ich werde es mir nicht mehr leisten

Wie eine Lumpenpuppe, laissez-faire der Glieder. Ich musste mich betrinken, es war notwendig, der Schmerz war gerade unerträglich. Was für ein Schmerz? Das, was den Traumatisierten anstatt der heilen Welt oder als Orden überreicht wird. Getrennt zu sein vom Rest der Menschheit, unausweichlich. Geplatzter Terminplan, wie eine Operationsnaht, gesprengte Anastomose im Abdomen. Ich fürchtete mich, plante den Selbstmord zu planen. Keine Zeit. Gut. Nacht und Schneeregen, Nacht und Vollmond, Nacht und pärchenweise Heimkehrende.

Langsam stieg die Temperatur zu septischem Fieber, Zeitbakterien eroberten meine Blutbahn. Manchmal sehe ich die Stadt so, wie sie vor 70 Jahren war, mit den jungen Augen der heute 90jährigen. Kaum ein Auto, alles sepiafarben, wie alte Fotos. Junge Mädchen in sittsamen Kleidern kichern. Kleinstadt. Klein, klein, klein. Ich muss immer von hier wegsehen, um hier leben zu können, ob in eine andere Zeit oder Welt, ist mir gleich.

Burg von Guimarães, Foto von Vigé & Plessix, 1849-1873, gemeinfrei

Martin saß auf unserem Sofa, wie schon so oft. Mitten in der Nacht war es schon, da hatte ich genug von den Spielchen und setzte mich zu ihm, was er zum Anlass nahm, mich zu küssen, was mich wiederum stark verwirrte. Ich nahm ihn an der Hand und zerrte ihn in den Gymnastikraum.

Wenn ich den kugelsicheren Ganzkörperdress ablege, bin ich ganz weich und kann mich kaum auf den Beinen halten. Wie eine Uhr von Dalí zerfloss ich auf dem Teppich. Ich sah gerade noch sein Haar, weizenblond, eine Vision von Skandinavien, Wikinger, der Fall von Lindisfarne, Linde des Lauchs. Ein flackernder Film, den mein Gehirn aus seinem Körper und irgendwelchen Archetypen zusammengesetzt hatte.

Ich träumte, dass Burkhards Name überall an den Wänden im Flur stand. Ich war vor einigen Monaten ausgezogen, aus unserer gemeinsamen Wohnung. Und hatte Burkhard seinen eigenen Albträumen überlassen oder seinen Gespielinnen. Es gab eigentlich keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Angst erwischte mich, als ich heimging – zu Fuß, aber bis an die Zähne bewaffnet – ein Fahrrad lag hingeworfen auf einem Stück Wiese, ein Hollandrad.. und nicht erkennbar, die Farbe. Da dachte ich an Burkhardt, ob es sein Fahrrad ist? Schaute mich um, ob er irgendwo im Gebüsch sitzt. Deutliche Zeichen von Paranoia, unbestimmte Angst für die neugewonnene Freiheit bestraft zu werden. Am nächsten Tag stellte ich fest, dass das Fahrrad braun war, nicht grün, nicht seins. Dann untersuchte ich es genauer. wenn es nicht seins war, konnte ich es ja vielleicht klauen. Es war aber zu kaputt.

Am Abend erklangen draußen Schreie, Tüenschlagen. „Wir müssen einen Arzt holen.“ Pause. „Wir müssen einen Arzt holen.“ Hupe. Das kann man dann am Morgen in der Zeitung lesen.

Am nächsten Tag klingelte es am Tor. Mein Mitbewohner Willy öffnete, nachdem ein Mann der Überwachungskamera seinen Polizeiausweis gezeigt hatte. Der Polizist kam an die Haustür und verlangte, mich zu sprechen. Willy überlegte einen Moment, entschied sich dann aber, den Mann hereinzulassen. Burkhard sei tot, sagte der Polizist. Er fragte nach Angehörigen und sagte mir, wo ich den Leichnam besichtigen könnte. Warum hat er mir nicht gesagt, ich soll mich setzen, fragte ich mich. Ich musste mich setzen.

Dann ging ich und besichtigte Burkhards Leiche. „Lungenembolie“, sagte der Arzt. Burkhard sah aufgeqollen aus und blau. Wie aus einem Albtraum. Und ich fragte mich, ob sich ein „du oder ich“ ohne mein Zutun manifestiert hatte. Ob ich eine Schuld trug. Niemand sollte vor seiner Zeit sterben, aber woher weiß man, wann die richtige Zeit ist. Ich begann schwarz zu tragen wie eine Witwe. Und schwarz zu sehen. Noch schwärzer, als zuvor.

Leiche des Feldmarschalls Keith. Adolph von Menzel 1873, gemeinfrei

Da ich Buddhistin bin, wusste ich, dass er unterwegs war, sechs Wochen lang. Ich dachte an das Licht. Flieg immer geradeaus in das weiße Licht, lass dich nicht ablenken von den bunten Lichtern am Wegesrand! Gebetsfahnen in allen Farben flatterten im Wind und beteten automatisch für uns alle. Gebetsmaschinen.

Nachts ließ ich das Licht an.

Wo waren eigentlich die Gespielinnen, wenn man sie braucht? Ich traf sie auf der Beerdigung. Ein eigenartiger Moment. Voll von absurdem Humor.

Martin ging mit mir über die Felder. Ich redete über Burkhards Tod. Meine Worte waren wie Ebbe und Flut. Martin trennte sich von mir am gleichen Tag. Er käme nicht damit zurecht, dass ich traurig sei, sagte er.

Die Zeit blieb stehen. Brocken von Vergangenheit zogen wie Gespenster an mir vorbei. In den Träumen nichts außer diffusem Nebel.

Ich nahm Urlaub und dachte, das wird schon wieder. Saß auf einer weißen Bank am Ijsselmeer. Sah über das Wasser. Es wurde dunkler, die Sterne vermehrten sich. Scheinwerfer am anderen Ufer. Hinausschwimmen. Das Wasser flach wie ein Wannenbad und lauwarm. Kaum Wellen. Ein Satellit zieht von Nordwesten nach Nordosten vorbei, Raumschrott. Hier kann man sich wahrscheinlich gar nicht ertränken, selbst wenn man es versuchen würde.

An der Ijssel, das Ijsselmeer gibt es ja erst seit 1932. Gemälde von Willem Roelofs, 1870 – 1897, gemeinfrei

Aber wir waren keine Feinde, und so ging ich wieder daheim mit Martin auf ein Konzert. Jodelnder Sequenzer hämmerte unsere Ohren in den Boden. Lichter fegten über die Bühne. Der Sänger sah aus, als würde er gleich zusammenbrechen und er brüllte wie am Spieß. Martin sah aus wie von Munch gemalt. Er war der Typ, der nach dem Schrei wieder den Mund zugemacht hatte. Um den Kopf eine Dornenkrone aus Baumwolle. Die Arme verschränkt. Da führt kein Weg hinein.

In der Nacht träumte ich von einem Mann in einem Glaskasten, wie in einem gläsernen Sarg. Schneewittchen mit verschneiten Haaren. Eisblumen überzogen den Kasten von innen. Ich schlug beide Hände in Brusthöhe durch das Glas. Die ganze Vorderseite zersplitterte. Er packte meine Handgelenke, das Gesicht immer noch unbewegt. Er drückte mich auf die Knie. Schließlich stieß er mich von sich und die gläserne Tür wuchs von unten nach oben zu. Ich sammelte meine Kleidung vom Boden der Nacht und schlich mich fort aus diesem Traum.

Damals, vor Burkhards Tod, hatte Martin mich umarmt, als sei ich klein und schutzbedürftig. Vielleicht bin ich das. Umso schlimmer, denn ich kann es mir nicht leisten. Und ich werde es mir nicht mehr leisten.

Schneeweißchen und Rosenrot, Illustration von Alexander Zick (1845 – 1907), gemeinfrei