Nur der natürliche Fluss der Zeit kann uns retten 3

Das ist der dritte Teil und der ist ziemlich blutig, also nichts für empfindsame Leute. Der erste, ganz harmlose Teil ist hier, der zweite, ebenfalls harmlose Teil ist da.

Ich ging zum Nachbarhaus. Die Scheibe in der Tür hatte den Freitod gewählt, vielleicht um niemanden mehr aufzuhalten. Klingelschilder riefen die Namen der Bewohner aus. Ich trat ein.

In den dunklen Ecken des Hausflurs lauern alte Gespenster. Die Geister meiner Eltern versuchen mich am Ärmel festzuhalten. Ich schalte die Gedanken ab, wie eine dieser alten Stehlampen. Den Gedanken am Plastikknopf fassen, ein leicht surrendes Gefühl, wenn die seidige Schnur einen verborgen Hebel betätigt. Und mit einem ersterbenden Phosphoreszieren verschmilzt die Vergangenheit mit den Schatten.

Die Treppen erklimmen wie einen hohen Berg, wegen des Ausblicks, der vermehrten Tätigkeit der Lungen – Atmungssport – und wegen des Geruchs der Luft.

Auf dem Gipfel steht kein Kreuz in der kalten glitzernden Höhenluft, sondern ein orientalisches Zelt. Ich hebe eine Ecke des bunten Stoffes, auf dem lustige Tiere in schwankenden Farnen fangen spielen, und trete ein. Drinnen ist das Licht gedämpft. Nun können wir uns sehen, wenn wir auf Sitzkissen, die Beine gekreuzt, roten Tee aus kleinen Gläsern trinken. Ich verbrühe mir die Lippen daran.

Als es heller wird, nehmen die Geräusche der Straße zu. Weit unten. Ich schaue hinaus. Zwei kleine Indios spielen mit einem Schädel Fußball. Sie fangen mich mit Neugierde. Ich muss hinunter. Im Stakkato die Treppe hinab. Nicht ausgleiten auf den Metallrändern der Stufen. Jeder einzelne Rand blitzt kurz auf. Die Beine stampfen den Treppentanz. Als ich aus der Tür trete in den grauen Tag hinein, kommen die Indiojungen lachend zu mir und drücken mir den Schädel in die Hand. Dann laufen sie davon. Frieren sie nicht in ihren federbesetzten Lederkostümen?

Ich und der Schädel stehen dumm herum und wissen nichts miteinander anzufangen. Wir grinsen uns verlegen an.

Mexikanische Tag der Toten-Dekoration. Foto von Wikimedia Commons Benutzer Gengiskanhg. Gemeinfrei

Da erblickt mich die Nachbarin aus dem Fenster. Sie ruft mich hinein. Das sei ihr Schädel. Im Haus zieht sie mich in ihre Wohnung. Sie zeigt mir ihren glattrasierten Kopf. Das habe sie zur Buße getan, denn sie habe ihn – sie deutet auf den Schädel – erst gestern getötet. Aber schon heute kann man ihn als Tasse verwenden. Sie gießt mir bitteren Tee aus einer schwarzen Kanne ein und ich trinke den Schädel leer bis zur Neige. Die Frau setzt sich auf meinen Schoß und schlingt ihre Arme um meinen Hals wie ein Kind. Sie weint vielfarbige Muster auf mein weites orientalisches Gewand und erzählt mir dabei die ganze Geschichte.

Jener Mann hatte Muschelaugen. Er schaute mit den Augen auf die Frau, die war nackt von ihren Worten. Statt der rechten Brust trug sie einen eisernen Dorn. Sie stemmte ihre mageren Arme gegen die Schultern des Mannes, damit er sich nicht mit seinen Muschelaugen an sie heranhangeln konnte. Er aber drückte sie gegen die Wand, überwand die Mauer ihrer Arme. Der eiserne Dorn bohrte sich in sein Hemd, dann in die Haut darunter, dann zwischen den Rippen hindurch in das Herz. Der Mann ließ die Frau los und glitt dabei lautlos zu Boden. Blut überall. Die Frau aber schrie auf und riss sich den Dorn aus der Brust wie eine verspätete Amazone, legte die weißen Stäbe der Rippen frei.

Das könne doch jedem passieren, sage ich tröstend und tätschele ihre bebenden Schultern. Es wird Zeit zu gehen.

In den Straßen malen Schlittschuhläufer Kreise und Achten in den Asphalt. Über die tiefen Eindrücke, die meine schweren Stiefel am Anfang hinterlassen hatten, setzen sie mit anmutigen Sprüngen hinweg. Ich jedoch gehe immer zu Fuß, nie kann eine andere Art der Fortbewegung der Langsamkeit meiner Gedanken genügen.

In den Städten gibt es Kirchen für jeden Geschmack. Ich gehe in ein spätgotisches Exemplar. Das Hallen meiner Schritte trägt mich zum Altar, wo ich den Schädel dem Gekreuzigten zu Füßen lege. Der legt todestrunken den Kopf auf die linke Schulter und sieht auf uns herab. Schädel und Gekreuzigter sind entfernte Verwandte. So ist es wohl am besten.

Ich gehe zurück, öffne die schwere Kirchentür und goldenes Licht strömt herein. Wenn ich schneller bin als die dunklen Wolken von Süden, komme ich heim vor dem Regen.

Knut Baade (1808-1879): Wolkenstudie, gemeinfrei

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Nur der natürliche Fluss der Zeit kann uns retten 2

Den ersten Teil gibts hier.

In Zielstraße läuft eine Frau mit Stöckelschuhen hin und her. Ich kann sie nicht sehen, so wie sie auch mich nicht sieht. Dimensionslose Zeitgespenster. Aber durch das stumpfbläuliche Blitzen ihrer Schritte zerfällt mein Fliederzweig (den ich in Teil 1 bekam, Anm. der Wortkritzlerin). Und das moosgrüne Stampfen meiner Stiefel zieht ein in ihre Adern, wattig, dämpft ihre Gedanken, so dass sie endlich in einen Hauseingang stolpert, eine Treppe hinauf, eine Tür hinter sich schließt, mit beiden Händen den Tag vom Gesicht wischt.

Tag heißt die Zeit in der wir auf die Nacht warten. Nacht ist die Zeit in der wir einander nur ungeplant in den unzähligen Welten begegnen können. Nachts langweilen wir uns nicht.

Jene Frau wischte also den Tag aus dem Gesicht und küsste mit dem neuerwachten Glanz ihrer Augen den Spiegel.

Pietro Torrini (1852-1920): Ein Kuss dem Spiegelbild, gemalt um 1920, gemeinfrei

Nur der natürliche Fluss der Zeit kann uns retten

Ich öffne meine Arme wie die Flügel eines Tryptichons. Weich fließt der Stoff von den Handgelenken zu Boden. Ich bin mein eigener Maler. Siehst du das bläuliche Pochen verwirrter Adern? Nicht chemische Moleküle, sondern die Farben der Erde setzen uns zusammen. Sie schreien oder flüstern unsere Existenz in fremde Augen. Sie erfüllen die Begierden unserer Fingerspitzen mit leuchtenden Empfindungen.

Ich schließe die Arme um nichts. Ihre Bestimmung vernachlässigend, verändernd, schließe ich die Sinne. Nur mein Gehör schwebt wie eine Vision im Raum vor einem schwarzen Klavier. Noch weiß ich, dass es meinen Körper gibt. Die Tasten des Klaviers schwinden unter der Nähe meiner Finger. Ich bin traurig und das Instrument spürt es, antwortet mit zarten Farben wie Flieder. Die Töne sterben und werden im nächsten Moment wiedergeboren. Mit der Fliederblüte in der Hand stehe ich auf, ziehe den Mantel an und gehe hinaus.

Es ist Nacht, das hatte ich nicht bedacht. Meine Stiefel sinken fingerbreit in den Asphalt. Leise pocht mein bleifarbenes Herz. Der Schlaf vieler Seelen friert meinen Atem wie Zuckerwatte. Sterne wandern über meine Haut.

Vereinzelt stehen starre Gestalten an Strassenbahnhaltestellen. Sie hoffen, dass etwas kommt, sie fortzuholen aus dieser Nacht. Ich trage mich selbst hinaus.

Nächtliche Straßenszene (Berlin, Leipziger Straße?), 1920er Jahre. Öl auf Pappe. 9,2 x 15,7 cm, Gemälde von Lesser Ury (1861-1931), gemeinfrei

Das ist eigentlich der Anfang einer Geschichte, die aber aufgrund des doch sehr assoziativen Stils komplett verwirrend wird und mich selbst verwirrt. Weiß noch nicht, ob ich das fortsetze. Eine Fortsetzung gibt es jedenfalls schon, nämlich hier.