Nur der natürliche Fluss der Zeit kann uns retten 2

Den ersten Teil gibts hier.

In Zielstraße läuft eine Frau mit Stöckelschuhen hin und her. Ich kann sie nicht sehen, so wie sie auch mich nicht sieht. Dimensionslose Zeitgespenster. Aber durch das stumpfbläuliche Blitzen ihrer Schritte zerfällt mein Fliederzweig (den ich in Teil 1 bekam, Anm. der Wortkritzlerin). Und das moosgrüne Stampfen meiner Stiefel zieht ein in ihre Adern, wattig, dämpft ihre Gedanken, so dass sie endlich in einen Hauseingang stolpert, eine Treppe hinauf, eine Tür hinter sich schließt, mit beiden Händen den Tag vom Gesicht wischt.

Tag heißt die Zeit in der wir auf die Nacht warten. Nacht ist die Zeit in der wir einander nur ungeplant in den unzähligen Welten begegnen können. Nachts langweilen wir uns nicht.

Jene Frau wischte also den Tag aus dem Gesicht und küsste mit dem neuerwachten Glanz ihrer Augen den Spiegel.

Pietro Torrini (1852-1920): Ein Kuss dem Spiegelbild, gemalt um 1920, gemeinfrei

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