Der Brunnenreiter – Ende

Fortsetzung von Der Brunnenreiter

Chantal Gomez (so, jetzt bekommt sie auch einen Vornamen) freute sich schon auf den Abend. Sie fand Verbrecher aufregend. Es war zwar nicht ihre Idee gewesen, das Schloss auszuräumen, aber sie war sofort begeistert gewesen. Sie fühlte sich wie Bonnie aus Bonnie, Clyde und Clyde. Jetzt sah sie sich kritisch im Spiegel an. Da neben dem Kinn hingen an den Seiten schlaffe Hautpartien herum. Sie sah fast aus wie Angela Merkel, fand sie. Sie massierte ihre Wangen und seufzte. Sie hatte früher so ein perfekt herzförmiges Gesicht gehabt. Das Altern fiel keiner Frau leicht. Dann ließ sie sich ein Bad ein. Als sie so in der dampfenden Wanne saß und sich den Körper energisch mit einem Schwamm abschrubbte, ging plötzlich das Licht im Bad aus. Wie ärgerlich, die Sicherung war wohl rausgesprungen. Das passierte hier nicht selten, die Stromleitungen verliefen oberirdisch und wenn es sehr windig war, war immer mit einem Stromausfall zu rechnen. Im Bad war es aber ziemlich dunkel ohne das elektrische Licht über dem Waschbecken. Das kleine Milchglasfenster lag im Norden und davor wuchs eine ziemlich dichte hohe Forsythie. Dann hörte sie ein Geräusch, es war jemand im Haus. Und sie hatte die Badezimmertür nicht abgeschlossen. Hastig stand sie auf, wickelte sich in ein Badetuch und ging zur Tür, die sie vorsichtig einen Spaltbreit öffnete. Da stand Pierre und grinste von einem Ohr zum anderen. „Hab ich dich erschreckt?“, fragte er maliziös. Dann riss er Chantals Badetuch hinunter. „Komm ins Schlafzimmer, soviel Zeit muss sein!“, verkündete er und nahm sie an der Hand. Chantal ging nur zu gern mit. Sie vergaß alles andere um sie herum und die Gefahr, dass die Polizei doch zurückkommen könnte, erregte sie ungemein.

Tsukioka Yoshitoshi (Japan, 1839-1892) : Geisha trägt morgens um 6 Handtücher herum. Gemeinfrei.

Frau Wagner hatte derweil Jean, ihren Mann, als vermisst gemeldet. Er hatte vor ein paar Monaten seinen Zwillingsbruder wiedergefunden. Die Buben waren als Kinder getrennt worden, denn nach dem Tod des Vaters konnte die Mutter nicht beide zugleich ernähren, wenigstens hatte sie das Jean so erzählt. Sie gab Pierre zu einer Pflegefamilie. Irgendwann hatte man sich aus den Augen verloren. Nach der Geburt ihres ersten Kindes wollte Jean unbedingt herausfinden, wie es seinem Bruder ergangen war. Er gab Anzeigen im Internet und in überregionalen Zeitungen auf. Zuerst meldeten sich nur Männer, die entweder geistig nicht ganz bei sich waren oder hofften, ein „Zwillingsbruder“ würde ihre finanziellen Probleme lösen. Einer war schwarz gewesen, einer aus Russland, ein anderer war eine Frau und gab an, er hab eine Geschlechtsumwandlung hinter sich. Schließlich hatte sich Pierre gemeldet. Er schickte ein Foto und man sah sofort, dass er der richtige Zwillingsbruder war. Er wohnte in der Normandie. Frau Wagner unterbrach sich, stand auf und ging an einen Schreibtisch, in dessen Schublade sie nach der Adresse suchte. „Hier hab ich die Adresse“, sagte sie. „Ich hab mehrmals versucht anzurufen, aber niemand geht ans Telefon.“ Auf dem Zettel stand die Adresse der Gomez und die Nummer eines Mobiltelefons. Sie setzte sich wieder und gab dem Polizisten den Zettel. Der steckte ihn wortlos ein. „Jedenfalls fuhr mein Mann schließlich in die Normandie, um Pierre zu besuchen. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.“ Der Polizist rang mit sich, dann fragte er die Frau, ob sie in die Normandie fahren könne, um dort einen Toten zu identifizieren. Sie schluchzte auf und presste sich ein Taschentuch, dass sie schon vorher geknetet hatte, vors Gesicht. „Der Tote wurde als Pierre Wagner identifiziert“, fügte der Polizist hinzu. „Und sie glauben, dass es vielleicht mein Mann ist?“, fragte Frau Wagner. „Ja“, antwortete der Polizist schlicht. Also wurde Frau Wagner in die Normandie gefahren.

Unbekannter Maler (1617): Die Wickelkinder. Gemeinfrei.

D’Artagnan wurde sofort von den Kollegen informiert und schrieb Pierre Wagner zur Fahndung aus. Er fuhr zur Villa der Gomez und ihm folgte ein Streifenwagen mit zwei Beamten. Man wusste ja nie. Verbrecher kehrten nicht nur zum Tatort, sondern auch nach hause zurück. Vor dem Haus war kein Wagen geparkt. Auch kein Lieferwagen. Die Polizisten gingen durch das kleine Tor hinter dem Haus. Die Haustür war nicht abgeschlossen. Kein Licht. D’Artagnan trat in den dunklen Flur. Dann hörte er Geräusche, Gerumpel, Stöhnen. Das war womöglich ein Kampf. Der Kommissar riss die Schlafzimmertür auf.

D’Artagnan kam sich vor, als sei er mitten in dem Film „Im Reich der Sinne“ gelandet. Chantal Gomez hockte nackt auf einem bärtigen Mann, bei dem es sich wahrscheinlich um Pierre Wagner handelte. Die Frau strangulierte den Mann unter ihr, zumindest hatte sie eine Seidenschnur in der Hand, die sie dem Mann um den Hals gelegt hatte. Der Bärtige, der noch gelächelt hatte, als der Kommissar die Tür aufstieß, röchelte nun theatralisch. D’Artagnan verhaftete die beiden. Da würde er den Kollegen etwas zu erzählen haben.

Es stellte sich heraus, dass der Tote im Brunnen wirklich Jean Wagner gewesen war. Pierre Wagner gab an, eifersüchtig gewesen zu sein, weil sein Bruder ihm die Liebe der Mutter geraubt habe. Blöde Ausreden des Jahrhunderts. Es war eine so schöne Gelegenheit gewesen, unterzutauchen. Chantal Gomez hatte nicht viel von dem „Projekt“ gewusst. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch, als die Leiche ihres Mannes schließlich gefunden wurde. Sie sagte dazu in einem Interview, dass sie es bereue, Pierre nicht stranguliert zu haben.

Wo die Schlossbesitzer sind, erfahren wir vielleicht eines Tages in einer anderen Geschichte.

Advertisements