Nur der natürliche Fluss der Zeit kann uns retten 4

Das ist der vierte und verdammt nochmal letzte Teil. Dafür musste ich die Perspektive ändern, also nicht wundern. Der erste, ganz harmlose Teil ist hier, der zweite, ebenfalls harmlose Teil ist da und der dritte furchtbar blutige Teil ist hier.

An der Straßenecke wuchs ein schwarzer Baum aus Metall. Hätte er nicht gesprochen, hielte ich ihn für eine Straßenlaterne. Schwarzes Leuchten. Die Stadtväter müssen humorig sein. Die Armäste einklappen wie Flaggenfahnen. Blatt legt sich auf Blatt und schließt sich, rollt sich, faltet sich. Hören was die elektrischen Signale übermitteln, Drähte rauschen raunend von fremden Welten.

Nachts die Wurzeln zwischen den Steinen hervorziehen, das Erdreich aufbrechen und hinaus in die Wälder ziehen. Das Metall spiegelt die Sterne und hält sie, sie verschwimmen zu Linien mit unscharfen bunten Rändern. So eins werden mit dem Wald, der den neuen Ankömmling begrüßt wie einen verlorenen Sohn.

Tagelang saß ich zu Füßen des Baumes auf einem Stein. Lehnte mich an das Metall und klagte ihm mein Leid. Wenn man sich lange genug an einen Baum lehnt, wächst man unter die Rinde. Das Haar wird eins mit ihr und es tut zu weh, wegzugehen. Man muss lernen den Tau zu trinken und von dem zu leben, was der karge Boden der Stadt zu bieten hat.

Baum der Eiseninsel, aus: Allain Manesson Mallet: Description de l’Univers, Band 3, Paris, Denys Thierry, 1683, gemeinfrei

Da vollzog ich den Wandel.

Vielleicht hast du dort seit Anbeginn der Zeiten gestanden, aber jetzt in dieser Sekunde und auch sie ist ein Anbeginn der Zeiten – alles fängt immer an – bist du nicht hier. Und ich weiß nicht mehr, wieso ich schreiben sollte, in die Leere hinein. Ich schmeiße den Bilderkasten an. Und dann kann ich nicht essen, nicht trinken, nicht sprechen. Ich muss zuschauen. Ich muss zuschauen, egal was die Bilder mir zeigen. So werde ich sterben. Ein Flackern noch und dann zieht sich ein Lichtpunkt mit einem ploppenden Zischen in der Mitte zusammen.

Also zog ich um. Fort aus der Stadt. In eine einsame Hütte im Wald. Wenn die Ausläufer ferner Kriege zu mir herüberschwappten, versteckte ich das Vieh in den Schluchten einer nahen Bergkette. Besucher begrüßte ich mit stoischer Miene. Ich hätte die Hunde auf sie gehetzt. Fürchtete aber, sie könnten die Hunde verletzen. Das Dach der Hütte war voller Löcher, die ich nie reparierte. Das Licht kreiste durch das Gebäude und ich starrte es an. Verbrachte Tage damit dem kreisenden Licht zuzuschauen. Nachts wurde der Ausblick schwarzweiß. Ich vergaß meine Sprache. Meine Stimme war rau wenn ich den Hunden Lieder sang.

Du denkst, dass ich kämpfe, und ja, ich kämpfe und du schaust mir zu. Und du meinst, dass ich kämpfen soll, damit du mir zuschauen kannst. Das ist kein Spiel.

Alle bleiben auf der Strecke.

Dann kam ein Trupp von Gauklern an meiner einsamen Hütte vorbei. Ihr Benzin war alle. Sie gaukelten. Ich lachte. Ich hatte noch nie zuvor gelacht. Mein Gelächter war so laut und erschütterte den Boden so sehr, dass die nahe Bergkette zusammenbrach. Das Dach der Hütte stürzte ein. Der Himmel fiel mir auf den Kopf. War er doch zuvor nur von struppigen Wänden emporgehalten worden. Blau, Dunkel, Striche, Wolkenbänder, Eulen, die Spiegelungen von allem, blitzten durch mein Gehirn.

Ich gab den Gauklern Benzin für ihren alten Bus, damit sie weiterfahren konnten und ich mit ihnen. Zurück in die Stadt. Wo an einer Straßenecke immer noch ein schwarzmetallener Baum stand. Den Mund zusammengefaltet wie ein Blatt.

Jetzt habe ich ihn gesehen. Wenn ich mich in eine Katze verwandle, kann ich hinaufklettern. Seinen Mund küssen, die Augenlider, meinen Kopf an ihm reiben. Mich in den Blättern zusammenrollen. Dort schnurrend schlafen, dabei lässig eine Pfote baumeln lassen. Vielleicht fließt die Zeit hier unter dem Asphalt zusammen. Oder auch nicht. Es wird mich nicht kümmern.

Katze auf einem Kissen auf einem Baumstumpf oder Adirondacks, 1915. Foto aus der Sammlung Miriam and Ira D. Wallach Division of Art, Prints and Photographs in der New Yorker Stadtbücherei. Gemeinfrei

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