Nur der natürliche Fluss der Zeit kann uns retten

Ich öffne meine Arme wie die Flügel eines Tryptichons. Weich fließt der Stoff von den Handgelenken zu Boden. Ich bin mein eigener Maler. Siehst du das bläuliche Pochen verwirrter Adern? Nicht chemische Moleküle, sondern die Farben der Erde setzen uns zusammen. Sie schreien oder flüstern unsere Existenz in fremde Augen. Sie erfüllen die Begierden unserer Fingerspitzen mit leuchtenden Empfindungen.

Ich schließe die Arme um nichts. Ihre Bestimmung vernachlässigend, verändernd, schließe ich die Sinne. Nur mein Gehör schwebt wie eine Vision im Raum vor einem schwarzen Klavier. Noch weiß ich, dass es meinen Körper gibt. Die Tasten des Klaviers schwinden unter der Nähe meiner Finger. Ich bin traurig und das Instrument spürt es, antwortet mit zarten Farben wie Flieder. Die Töne sterben und werden im nächsten Moment wiedergeboren. Mit der Fliederblüte in der Hand stehe ich auf, ziehe den Mantel an und gehe hinaus.

Es ist Nacht, das hatte ich nicht bedacht. Meine Stiefel sinken fingerbreit in den Asphalt. Leise pocht mein bleifarbenes Herz. Der Schlaf vieler Seelen friert meinen Atem wie Zuckerwatte. Sterne wandern über meine Haut.

Vereinzelt stehen starre Gestalten an Strassenbahnhaltestellen. Sie hoffen, dass etwas kommt, sie fortzuholen aus dieser Nacht. Ich trage mich selbst hinaus.

Nächtliche Straßenszene (Berlin, Leipziger Straße?), 1920er Jahre. Öl auf Pappe. 9,2 x 15,7 cm, Gemälde von Lesser Ury (1861-1931), gemeinfrei

Das ist eigentlich der Anfang einer Geschichte, die aber aufgrund des doch sehr assoziativen Stils komplett verwirrend wird und mich selbst verwirrt. Weiß noch nicht, ob ich das fortsetze. Eine Fortsetzung gibt es jedenfalls schon, nämlich hier.

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Erwachen

Langeweile ertränkte
die Straßen der Stadt
auf Bürgersteigen
schreien Farben
toter Kinder Anoraks
beleuchtet
von Schaufenstern
und blechernen Sirenen
weiß ist die Farbe der Schmerzen
schlafend sterben
und die Stimme des Lautsprechers
aussperren
ein Gedanke an dich
und schon singen die Frühvögel.

Ja, schon klar, dass das Bild nur den positiven Aspekt des Gedichtes darstellt. Frühling (Aktporträt Martha Vogeler mit Amsel) von Heinrich Vogeler (1872 – 1942), einer von diesen Worpswede-Typen. gemeinfrei

Da gibts auch noch die passende Musik:

Ungewiss

wenn nicht einmal
die Gegenwart,
woran halten,
deine ungewissen Hände
streicheln mich nicht,
auch keine andre,
und selbst wenn,
wer wohnt hinter
ungewissen Augen
tagelang besungen,
ach, ich red zu viel und
werd zu selten geküsst.

Gemälde von Stanisław Ignacy Witkiewicz (1885–1939): Kuss eines mongolischen Prinzen in einer eisigen Wüste, 1915-1918, gemeinfrei

Von einer anderen Seite aus

So viele Seiten wie Schlammpartikel
vor der Haustür nach dem üblichen Regen
– ich mach am besten eine Packung davon,
kann nur helfen.

Reicht es nicht, dass ich
mit dem Kopf durch die Wand
– Und sie ist nicht dick, nicht sehr fest,
wie eine Lakritzschnur, süß, gut gegen Husten
und reißt so schnell –
falle?

Wie komme ich auf diesen Haufen Stroh?
Wieso riecht es so verbrannt?
Nein.
Das wäre dann doch zu weich und zu angenehm warm.

Allegorischer Freskenzyklus (Politische Tugenden) aus dem Palazzo Pubblico in Siena, Szene: Der Tribun Publius Muzius schickt seine Verbündeten auf den Scheiterhaufen, wo es schön warm ist. Gemälde 1532-1535 von Domenico di Pace Beccafumi (1484–1551), gemeinfrei

Die andere Seite der Stille

schwarz sind die Flüsse der Wiederkehr.
wie ich das Leben vermisse
und glaube Distanz sei das Schwert Gottes
und Glaube der Seele ein blasses Kleid.

rot sind die einsamen Pfade
durch die Glocken der Glasharfen
wie sie klingen
in allen Farben

weiß
ja, dorthin.

Benjamin Franklins Glas Harmonika, um 1776, gemeinfrei

Komplizierter Wiederbenutzungsvorgang, daher nur ein Link auf eine Seite auf der unter anderem der Wiederbenutzungsvorgang beschrieben ist. OTRS halt. Aber eine sehr schöne und total passende Tondatei. Stars-GlassArmonica.ogg